Wer arbeiten kann, lebtDer Modebegriff der Work-Life-Balance führt in die Irre

Immer mehr Berufen droht die Aushöhlung durch einen akuten Personalmangel. An vielen Stellschrauben muss gedreht werden, auch an der Einstellung zur Arbeit. Der Modebegriff der Work-Life-Balance führt in die Irre.

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Martin Kocher, der Arbeitsminister, war am Samstag im Mittagsjournal von Ö 1. Man hört ihn gern. Er spricht undogmatisch und phrasenfrei. Er papageit nicht. Kocher wurde zum Arbeitsmarkt gefragt, der sich von den Schlägen erholt und dennoch seine Ambivalenzen nicht loswird: 340.000 sind ohne Job, und doch gibt es so viele Beschäftigte wie nie. Von den 350.000 Arbeitslosen sind es mehr als 100.000 dauerhaft, aber genauso viele offene Stellen bleiben unbesetzt. Ein möglicher Hebel wäre die Beseitigung falscher Anreize. Zusätzlich zum Arbeitslosengeld Zuverdienste zu gewähren, mag Not lindern, kann aber auch dazu verleiten, in der Not zu verharren und sich mit ihr als trübe Option zu arrangieren. Das Solidarsystem kann es sich nicht wünschen, die Betroffenen auch nicht.

Kommentare (15)
homerjsimpson
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Begriff der Work-LIfe-Balance leider nicht verstanden

Balance zwischen "Leben" (also Freizeit, Familie) und "Beruf" ist nicht eine Gegensätzlichkeit, sondern beschreibt, dass alle Teile des Lebens (inkl Beruf) in einer gesunden Balance sein sollen, nicht wie früher dem Beruf alles unterzuordnen, mit dem katastrophalen Trugbild, ein guter Mitarbeiter wäre der, der am längsten im Büro sitzt. Dass Herr Patterer hier die "Dinosaurier-Fraktion" vertritt, die genau diesem Bild nachhängt, wundert nicht. Sie ist in den Chefetagen weit verbreitet. Es ist aber ein Armutszeugnis, wenn man Arbeitsleistung (nicht leicht zu messen) Anwesenheitsstunden (leicht zu messen) unterordnet. Dass man mit dem Bild automatisch berufstätige Mütter, Teilzeitkräfte etc. abwertet, ist nur ein (trauriger und oft diskriminierender) Nebenaspekt. Wer nur die Arbeit kennt, hat ein armes Leben, wer sich in der Arbeit komplett erschöpft trotz Familie etc., belastet sein gesamtes Umfeld, inklusive Kollegen und Firma. Das haben aber immer noch viele nicht verstanden, und Herr Patterer gehört dazu. Es braucht noch viel positive Entwicklung in der Arbeitswelt, leider.

hroehrich
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Noch mal

Ich würde an ihrer Stelle den Artikel noch einmal lesen und vielleicht nach mehr Überlegung wieder posten. ,

Ich kann Herrn Patterer nur voll zustimmen zur Analyse dieses schon alten Themas. in einem modischen Wort-Gewand (Work-Life-Balance).
"Wer arbeiten kann und darf, lebt." Wie wahr!

melahide
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Der Artikel

gefällt mir persönlich leider gar nicht. Einerseits gibt er eine ideologische Meinung vor „besser wäre es, Arbeitslosengeld degressiv zu gestalten“ um dann zu sagen „darüber muss man offen reden“. Das steht einer Zeitung nicht zu. Eine Zeitung soll offen pro und contra aufzeigen, damit sich der Leser eine eigene Meinung bilden kann. Keine Meinung zugeben. Das „wer arbeitet lebt“ ist auch nur eine ideologische Anschauung der „Leistungsgesellschaft“ aus der Sicht eines Menschens, der als Chefredakteur wohl seinen Traumjob lebt. Fragen Sie bitte die Putzfrau, die ihren Müll wegräumt, ob ihre Arbeit ihre Lebenserfüllung ist. Sie macht den Job um zu überleben. Hier von „Work-Life-Balance“ als „Modewort“ hinzuweisen ist Despektierlich gegenüber allen Personen, die nur arbeiten um ihre Grundbedürfnisse zu tilgen. Zur Kritik am Bildungssystem erhalten Sie meine Zustimmung

schetzgo
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. In der Pflege wurde der Zugang zur Ausbildung erleichtert

allein mit diesem Satz disqualifiziert sich der Autor!

Baldur1981
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Mode?

Offenbar ist es Mode, aus dem Elfenbeinturm Lebenswelten zu kommentieren, die man selbst nicht kennt. das Problem ist nicht das ach so hohe Arbeitslosengeld, sondern die erschreckend geringen Löhne. Da es jetzt auch viel weniger billige Arbeitskräfte aus dem EU-Ausland gibt, wegen Corona, fällt das gewissen Branchen natürlich auf. Es muss halt nicht jedes Jahr ein neuer Porsche sein, man könnte natürlich auch höhere Löhne zahlen.

Stemocell
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Völlig richtig,

die viel zu niedrigen Löhne in den erwähnten Branchen sind mit Sicherheit der Hauptgrund für den Personalmangel. Koch, Kellner, Pflegekraft, Kindergartenpädagoge…das sind alles Jobs, die dem Arbeitnehmer viel abverlangen und dafür lächerlich schlecht bezahlt sind.

umo10
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Wie bei allen Modeerscheinungen braucht man dafür auch hausverstand

Wird weniger getan als die Gesellschaft braucht, dann ist der einzelne zwar balanced aber mit der Zeit sind alle unzufrieden, weil nicht genug Waren da sind, nicht genug Geld und natürlich die Unzufriedenheit, dass der Nachbar tachiniert während ich mich abrackere. Meiner Meinung nach gibt es nur wenige Gründe warum ein Mensch nicht Vollzeit arbeitet: Kinder, Pflege . Statt work-live-balance sollte Arbeit als Teil des Lebens einen höheren Stellenwert bekommen. Wer malen liebt wird sich als Maler nicht über unzugängliche Hausfassaden ärgern

Stemocell
3
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Gefällt mir sehr gut, der Artikel

Vor allem der Begriff ‚stiller Streik‘ triffts hier. Nachdem man sich nicht mehr laut und öffentlich gegen das Versagen der konservativen Politik äußern kann, ohne als brauner Verschwörungstheoretiker abgestempelt zu werden, finden die Menschen andere Mittel und Wege, ihren Unmut kundzutun. Das Wählen von Randparteien, eine generell eher schlechte Wahlbeteiligung und das besagte stille ‚Bestreiken‘ von bestimmten Berufsgruppen sind Beispiele für diesen Unmut. Trotzdem, ich glaube nicht, dass die Problematik mit gewissen unterbesetzten Berufsgruppen so vielgesichtig ist, wie der Herr Patterer hier versucht zu vermitteln. Ich glaube, dass man diese Problematik auf einen wesentlichen Punkt reduzieren kann: Und zwar die unverschämte Unterbezahlung in den besagten Berufsgruppen. Kein Mensch geht heute noch freiwillig für 1200-1300€ netto 40h arbeiten. Koch beispielsweise ist ein Knochenjob, der den Vergleich mit handwerklichen Berufen, die besser bezahlt sind, nicht zu scheuen braucht.

ikennminetguataus
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Erhöht man den Mindestlohn …

… steigen nach und nach alle Löhne. Effekt: Alles wird teurer. Wer spürt die Teuerung zuerst? Richtig: Jene mit den niedrigsten Einkommen. Willkommen in der Spirale!

So lange Arbeit am Schreibtisch in der Gesellschaft als etwas „Besseres“ gilt als z. B. Kranke pflegen, ein Handwerk ausüben, servieren oder Straßen teeren, werden weiterhin ganze Branchen sukzessive personell ausdorren.

Lösung? Zuerst einmal die Löhne für Büroarbeit und körperliche Arbeit halbwegs angleichen.

Summsi
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Vernünftiger?

Was ist daran vernünftig, lieber zuhause zu bleiben und Arbeitslosengeld zu erhalten? Das erste Ziel sollte immer die Erwerbstätigkeit sein, und zwar unabhängig davon, ob man jetzt mit dem Teilzeitjob „netto“ besser oder schlechter verdient. Arbeitslosigkeit ist eine Notsituation und keine soziale Hängematte oder Chance zur beruflichen Umorientierung und darf niemals auf Kosten der SteuerzahlerInnen missbraucht werden!

Mein Graz
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@Summsi

Bei 950 € 50 € zu verlieren ist viel.
Dazu kommt ja auch noch, dass man weniger Zeit für Kinder, Familie und Freunde, Haushalt und Hobbys (so bei 2 Kindern dafür überhaupt noch Zeit bleibt) zu haben.

Ich selbst war nie arbeitslos, ich verstehe die Frau aber!

Wie @petera schon schreibt: Mindestlohn anpassen, auf ein Niveau das der Unterstützung entspricht.

Und nicht Menschen verteufeln, die vermutlich mit jedem Cent rechnen müssen.

Summsi
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Mindestlohn anpassen ist sozial gerecht

aber die Rede ist von einem TEILZEITJOB! Das heißt keine Vollarbeitszeit und noch immer Zeit für andere Verpflichtungen und Freizeit. Ich möchte nur auf den Umstand hinweisen, dass das Arbeitslosengeld in vielen solchen Situationen höher sein wird als der Nettolohn und in solchen Fällen kein Grund sein darf, nicht zu arbeiten.

Mein Graz
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@Summsi

Ich meinte, Mindestlohn für Teilzeit!
Aus welchem Grund sollte es das nicht geben? Es wäre vermutlich nicht sehr aufwändig, das einzuführen.

Wir haben ebenfalls 2 Kinder, inzwischen erwachsen. Wir waren beide Vollzeit-Beschäftigt.
Das wäre niemals möglich gewesen, hätten wir nicht das Glück gehabt, dass meine Mutter im selben Haus wohnte und jederzeit bereit war, uns zur Seite zu stehen. Einer von uns hätte wohl seinen Job kündigen müssen, da Teilzeit nicht möglich war.
Und auch mit einem Teilzeitjob wäre es sehr schwierig gewesen. Schon allein die Tageseinteilung, wenn beide früh anfangen, wie kommen z. B. die Kinder in den KiGa? Oder wenn einer ungeregelte Arbeitszeiten hat?

Es ist ziemlich leicht, über andere zu urteilen, wenn man weder die Lebensumstände noch die familiären und finanziellen Gegebenheiten kennt.

petera
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Dann sollte der Staat/Land/Gemeinde aber au

für gratis Kinderbetreuung sorgen. Was hilft es wenn man €1200 verdient, wieder einige hundert Euro dafür abgeben zu müssen.

petera
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Warum soll man für einen "Sklavenlohn"

von dem man in Vollzeit nicht leben kann arbeiten gehen. Wäre es nicht gesellschaftliche und sozial vernünftig einen solchen Lohn zu bezahlen.

Ich bin eher dafür den Mindestlohn anzugeben, statt das Arbeitslosengeld zu kürzen.

Es stimmt, dass (fast) jeder arbeiten will, aber nicht unter jeder Bedingung.

Und man sollte auch bedenken, dass die wenigsten eine Arbeit annehmen, da sie diese als Berufung sehen, sondern weil sie Lebenszeit gegen Geld tauschen.