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Kolumne Valerie Fritsch: Wettergespräche der Liebe

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Valerie Fritsch
Valerie Fritsch © (c) Martin Schwarz, oxyblau photography
 

Man sagt allgemein, wenn man über das Wetter spricht, spricht man über nichts. Der Austausch über meteorologische Gegebenheiten gilt als Verlegenheitsformel zwischen Unbekannten, oder als Notwendigkeit, die man in einem Gespräch abarbeiten muss, bevor man in der Lage ist, sich anderen Dingen zuzuwenden, wenn der Himmel es so augenscheinlich schlecht mit einem meint, dass man vergisst, dass Österreich nicht als Monsunland klassifiziert ist. Es ist verpönt sich mit ernster Miene über Sonnenschein und Regengüsse, Temperaturschwankungen, die man in den Gelenken spürt, und Föhnbewegungen, die man im Kopf als Wahnsinn fühlt, zu unterhalten. Ich aber bin ein ausgeprägter Liebhaber des Wetter-Gesprächs, es ist eine magische Brücke zwischen Fremden in Zahnarztordinationen, oder ein Retter in kommunikativer Not.

Nie kann man falsch liegen, wenn man anerkennend sagt: Was für eine prächtige Kumuluswolke. Viel zu selten schaut man empor und sieht im Himmel einen Elefanten, ein Schäfchen, ein Göttergesicht vorüberziehen, auf das man sein Gegenüber aufmerksam macht, bevor es einen Augenblick später vergeht. Überhaupt ist das Wolkenschauen eine vernachlässigte Praxis, stundenlang kann ich in die Luft starren, die epischen Schlachtszenen und aufgebäumten Pferde, die morphischen Dinosaurier und einfachen Herzen beobachten. Ihrer Verwandlung, Auflösung, Unzuverlässigkeit hinterhersehen, denn schließt man die Augen für einen Moment, ist das eine immer schon zum anderen geworden.

Was man sieht, solange es da ist, kommt darauf an, ein wenig ist es womöglich wie Kaffeesatzlesen in der Atmosphäre, ein Rohrschachtest in der Luft, oder sogar ein Wetterbericht, der einem vor allem über sich selbst berichtet. Die schönsten Wettergespräche führte ich mein Leben lang mit meinem Großvater. Wenn ich mehrmals die Woche bei meinen Großeltern war, verabsäumte er, solange er noch konnte, nie, mich am Ende meines Besuchs zum Lift zu begleiten. Auf dem gemeinsam Weg zum Aufzug gingen wir langsam, auf gleicher Höhe, und besprachen die Witterungslage mit vielen Ahs und Ohs und nickten bekräftigend. War etwas ungewöhnlich, hieß es: Das ist ja sagenhaft.

Kamen wir beim Lift an, endeten wir mit der Wetter-Aussicht für den morgigen Tag, ich küsste ihn auf die Wange und fuhr nach unten. Mein Großvater war ein aufs Äußerste verschlossener, sperriger, und liebenswerter Mensch, unsere Sätze über Wind und Hitze im Stiegenhaus waren unsere geheimen Grußformeln, rituelle Zuneigungsbekundungen, eine zarte Sprache, die nur die Beteiligten verstanden. Für Außenstehen hätte es womöglich ausgesehen, als hätten wir uns tatsächlich nur über Meteorologie unterhalten. Aber die große Liebe und das Wetter sperrten in seiner Verschlossenheit, dann spricht man über alles. Als er vor ein paar Wochen starb, verabschiedete ich mich wie immer, ich küsste ihn auf die kalte Wange, sagte Baba, Opa, und ging. In dieser Nacht hat es geregnet.

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