Theater an der WienSo farbig und spannend klingt das früheste Barock nur selten

Die erste Wiener Opernpremiere der Saison wird zum Glanzstück: Regisseur Robert Carsen schält aus dem spröden allegorischen Spiel "Rappresantatione di Anima et di Corpo" wuchtiges, originelles Theater heraus.

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++ HANDOUT ++ THEATER AN DER WIEN: 'RAPPRESENTATIONE DI ANIMA ET DI CORPO'
Fröhliches Ende zum Schluss: "La Rappresentatione" im Theater an der Wien © APA/WERNER KMETITSCH
 

Ein allegorisches Spiel in dem Seele und Körper nach dem Sinn der Existenz fragen. Wobei es nicht ergebnisoffen ist: Natürlich besteht der Sinn in der Hinwendung zu Gott. Solches Erbauungstheater, das im Spätwinter des Jahres 1600 im päpstlichen Rom aus der Taufe gehoben worden ist, könnte spröde und fremd erscheinen. Doch das Theater an der Wien beweist in Tatgemeinschaft mit Regisseur Robert Carsen und Dirigent Giovanni Antonini die Bühnentauglichkeit von Emilio de’ Cavalieris „Rappresentatione de Anima et di Corpo“, und demonstriert dass der Glanz dieser Ur-Oper über 421 Jahre hinweg in die Gegenwart unseres Leben hineinscheint. Mit der alles entscheidenden Frage: Wie soll man leben?

Carsen schickt ein Zwillingspaar auf die Sinnsuche: Corpo (Daniel Schmutzhard) und Anima (Anett Fritsch) sind Ausprägungen des selben. Im Double-Denim-Look mit Chelseaboots, also schon im Look als Durchschnittstypen markiert, werden sie von einem „Schutzengel“ unter die Fittiche genommen, widerstehen den Versuchungen von „Welt“, „Weltlichem Leben“ und „Vergnügen“. Carsen löst die Allegorie beizeiten aus dem katholischen Kontext. Die Darsteller, die alle mit Rollkoffer die Bühne wie Reisende betreten, stellen sich (statt des originalen Vorspiels) schon anfangs die Frage: Was ist Gott?

Das Theater von Himmel und Hölle, das die schwarz gekleideten, kirchlichen Würdenträger für Anima und Corpo im dritten Akt veranstalten, um die Wahl zu erleichtern, repetiert gleichsam die Funktion von Cavalieris Stück im Kleinen: ein lehrreiches Schau- und Hörtheater, das christliche Tugend propagiert. Die Inszenierung unterläuft dieses Motiv jedoch, indem diese Szene als Effekt einer großartigen Bühnenmaschine gekennzeichnet ist. Auf Schnüren werden die armen Seelen spektakulär hinauf- und hinuntergezogen. Weil Carsen immer wieder Ironisierungen und Brüche einbaut, wird der Stoff verträglich. Der Himmel ist letztlich eher eine ausgelassene Party, in der keine Hierarchien mehr erkennbar sind.

Fantastisch: Das erstklassige Ensemble – neben den beiden Erwähnten sind noch Florian Boesch und Georg Nigl herauszugeben, dazu kommen Schoenberg Chor, die Tänzerinnen und Tänzer und der Giardino Armonico, angeleitet von Antonini. So farbig und intensiv, so spannungsgeladen und irisierend schön hört man diese Musik ganz selten. Ein in allen Belangen fulminanter Abend. Zu sehen bis 29. September.

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