Film der Woche"The Trouble with Being Born": Schöne, neue, verstörende Welt

Garantiert kein Wohlfühlfilm: Sandra Wollners vielfach preisgekrönter Film über ein Androidenmädchen und die Bedürfnisse ihrer Besitzer ist eine furios beklemmende Kino-Erfahrung.

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Täuschen und tarnen: Nichts ist so in Sandra Wollners Film, wie es zunächst scheint © Filmdelights
 

Das Idyll trügt: Im schicken Stadthaus mit Pool fängt ein Mädchen (Lena Watson) Heuschrecken und lässt sich mit Georg (Dominik Warta) durch die Sommertage und - nächte treiben. Er nennt sie Elli, sie nennt ihn Papa. Abends nimmt er sie mit ins Bett. Elli ist ein Androidenmädchen und ein Sexroboter. Sie folgt stoisch der Programmierung, die auf seinen Erinnerungen an seine verschwundene Tochter basiert. Das ist zehn Jahre her. Sandra Wollners zweiter Langfilm „The Trouble With Being Born“ ist eine einzige großartige Verstörung: in subtil sinnlichen Blicken und Dialogfetzen vor atemberaubender Bildgewalt und dunklem Soundsog führt sie ihr Publikum in aller Nicht-Eindeutigkeit und mit großer Beklemmung ins Unwohlsein. Und wie!

Das Grauen, das sich in die Szenen und die eigene Wahrnehmung schleicht, ist nicht greifbar. Das macht die große Faszination des Films aus, der Spuren von Drama, Sci-Fi-Horror und Psychothriller enthält. Wollner spielt mit unserer Vorstellungskraft, Fragen von Menschsein und Moral und mit Abgründen und Geistern, die uns verfolgen. Antworten? Bleibt sie schuldig. Mit ihrem Abschlussfilm an der Filmakademie Baden Württemberg ist der gebürtigen Steirerin ein Coup geglückt. 2020 in der Berlinale-Schiene Encounters uraufgeführt und ausgezeichnet, startete der Festivalsiegeszug auf der Viennale, Diagonale 2020 (bester Spielfilm, Thomas Pluch-Drehbuchpreis, bester Schauspieler) sowie 2021 (Innovative Produktionsleistung), Romy und sechs Nominierungen für den österreichischen Filmpreis, der am 8. Juli vergeben wird.

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In der Mitte des Films wird aus Elli Emil, nachdem ein Mann (Simon Hatzl) die Maschine gestohlen hat. Um sie für seine gealterte Mutter (fabelhaft: Ingrid Burkhard) als ihren im Kindesalter verstorbenen Bruder upzudaten. Es kommt zu Fehlermeldungen, Programmierungen geraten durcheinander, Identitäten zerbröseln. Deren (De)Konstruktionen im Dunst von Sehnsüchten, Ängsten brüchigen Familiensystemen und Schuldfragen sind Wollners Spezialgebiet.

Dieser Film ist eine furiose Kino-Baucherfahrung, die so gefehlt hat. Achtung, Überwältigung nicht ausgeschlossen.

 

 

 

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