Neu im Kino"Last Christmas": Wie aus dem Song ein Film wurde

Leinwandehren für den Song: Der Film „Last Christmas“ erzählt von einer jungen Frau, die ihr Herz verloren hat und sich zwischen Londoner Lichterketten wieder findet. Romantik, angezuckert mit Brexit-Kritik.

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Emilia Clarke, Henry Golding
Ein Happy End gibt es in der Weihanchtskomödie mit Emilia Clarke und Henry Golding auch - aber anders als erwartet © Universal Pictures
 

Es glitzert, funkelt und glänzt in diesem mit Lichterketten, Engeln, Schneekugeln und Grinch-Plüschtieren voll gestopften 365-Tage-Weihnachtsshop am Londoner Covent Garden. Dort finden chronische Weihnachtssüchtler bei Betreiberin Santa (Michelle Yeoh) Unterschlupf vor der harten Realität. Dort steht auch eine knallrote, hässliche Affenfigur, die ihn singt.

Ihn. Den Weihnachtssong, der eigentlich keiner ist. „Last Christmas“. Der Wham!-Song aus dem Jahr 1984 verfolgt oder erfreut einen – Ansichtssache – ab sofort bis in den Kinosessel, wo das titelgebende Lied als bittersüße Weihnachtskomödie über die Leinwand flimmert. Sicherheitshalber schon ab Mitte November.


Der Song dient als Anfangsakkord zur erzählten Geschichte. Eines vorweg: Die Zeile „Last Christmas, I gave you my heart“ wird hierbei wörtlich genommen – mit Herz ist nicht das fühlende gemeint, sondern das organische. Das ist, ohne zu spoilern, nur einer der überraschenden Twists in dieser warmherzigen, nostalgieverliebten und freilich ganz und gar nicht kitschbefreiten Selbstfindungskomödie.


Das Drehbuch stammt aus der Feder von Hollywoodstar Emma Thompson („Sinn und Sinnlichkeit“), die sich 2016 kurz vor George Michaels Tod persönlich den Segen zu diesem Projekt holte. Und einige seiner Ideen.


Zurück zum Shop. Dort arbeitet Kate (Emilia Clarke, „Game of Thrones“) als Verkäuferin im tannengrünen Elfenkostüm. Sie ist eine verliebenswerte Person, die einmal auf den Musicalbühnen von West End stehen möchte. Aber irgendwo auf dem Weg dorthin hat sie ihr Herz verloren. Durch ihren Egoismus hat die Chaotin viele Freunde vergrault, sich mit ihrer Familie zerstritten (Emma Thompson brilliert als Glucken-Mutter mit gebrochenem Englisch) und pendelt so mitsamt Kostüm, bimmelnden Glöckchenschuhen und Rollkoffer von Couch zu Couch. Im Gegensatz zu ihren Gelegenheitsliebhabern begleitet sie eines fix in ihrem wackeligen Leben: die Songs von Wham! und George Michael.
Neben dem titelgebenden Song befeuern zwei weitere Tracks des Duos und zwölf Songs aus der Solokarriere des Briten wie „Faith“, „Everything She Wants“ oder „Wake Me Up Before You Go Go“ das Erinnern an den 2016 verstorbenen Popstar.

Höhepunkt des Soundtracks ist der zarte, bisher unveröffentlichte Track „This Is How (We Want You To Get High)“.


Menschen verlieben sich auch – keine Sorge, sonst wäre dieser Film keine RomCom. Der Selbstfindungstrip von Kate wird durch eine Begegnung mit dem unberechenbaren Tom (Henry Golding, „Crazy Rich“) angeregt, einem Mann mit einer supersauberen Wohnung, einem eingesperrten Smartphone und einer wohltätigen Ader: Er hilft im Obdachlosenheim aus. Tom beschert Kate mehr Herzlichkeit und Gemeinschaftssinn.

Es wirkt, als seien sie ein Herz und eine Seele. Es kommt zum Happy End, aber anders als erwartet. Das ist eine der großen Stärken des Films – er versucht mehr aus dem Genre der platten Romantikkomödie herauszuholen, verknüpft Herzschmerz mit den Themen Brexit oder wachsender Fremdenfeindlichkeit. Nicht alles, aber vieles glückt.

Emilia Clarke als Weihnachtselfe Foto © Universal Pictures

Das Lichterketten-London ist eine heimliche Hauptdarstellerin in „Last Christmas“ – Emilia Clarke, Emma Thompson und Regisseur Paul Feig („Brautalarm“) kennen sich dort gut aus. Das Publikum profitiert, es reist in die engste Gasse, besucht hinreißende Innenhofgärten oder dringt in entzückende Eishallen ein. Selbstverständlich inklusive atemberaubender Beleuchtung.

Föhnwelle in Dauerschleife

Eigentlich ein kapitaler Denkfehler: Da verliert jemand sein Herz und um weitere Tränen zu vermeiden, gibt er es im Jahr darauf jemand Besonderem. Aber wer sagt, dass das Herzelein nicht wieder mit Füßen (Moonboots?) getreten wird? Egal.

Logik und Pop-Musik sind kein Traumpaar. Und wenn die Rede von „Last Christmas“ ist, geht es schon gar nicht ums Denken, sondern ums Fühlen. Ob viel geliebt oder zutiefst gehasst, auch egal. An der winterweißen Wham!-Wunderwelt kommt man in Zeiten wie diesen nicht vorbei, seit 35 Jahren nicht.

Veröffentlicht wurde der Song des Duos George Michael und Andrew Ridgeley am 15. Dezember 1984. Blöderweise hat in diesem Jahr auch ein gewisser Bob Geldof mit seinem Hilfsprojekt Band Aid der Welt mit „Do They Know It’s Christmas?“ einen Weihnachtshit beschert. Wiederum egal. Denn obwohl „Last Christmas“ nicht auf Platz 1 in den Charts landete, verkauften sich von der Single allein im ersten Jahr 1,5 Millionen Stück.

Zeitlebens brachte der Song George Michael – er starb am 25. Dezember (!) 2016 im Alter von 53 Jahren – jährliche Tantiemen in der Höhe von acht Millionen Euro. Nur ihm, wohlgemerkt, sein Wham!-Partner Ridgeley ging leer aus. Barry Manilow übrigens nicht. Der Schmusesänger hatte geklagt, dass „Last Christmas“ allzu große Ähnlichkeiten mit seinem Song „Can’t Smile Without You“ habe. Laut außergerichtlicher Einigung flossen die „Last Christmas“-Einnahmen aus dem ersten Jahr in das Projekt Band Aid – worüber sich wiederum Sir Bob freute. Bernd Melichar

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