Die - wissenschaftlich untermauerten - Warnungen mehren sich: Der Golfstrom, an sich schnell zirkulierende und einst äußerst mächtige Meeresströmung im Atlantik, wurde bedrohlich schwach. Dass er als globales Förderband bezeichnet wird, hat gute Gründe: Der Golfstrom transportiert warmes Oberflächenwasser vom Äquator nach Norden - und schickt kaltes, salzarmes Tiefenwasser zurück in den Süden. Eben dieses enorm wirksame Prinzip verlor gewaltig an Momentum, so namhafte Forscher.

Besonders eindringlich warnte zuletzt - mehrfach - das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK): Das Golfstrom-System ist schwächer als je zuvor im vergangenen Jahrtausend. Bislang beeinflusste es das Klima in Westeuropa maßgeblich: Der Kreislauf sorgt als Art Warmwasserheizung für vergleichsweise milde Temperaturen - aber auch auf andere globale Regionen der Welt hat das, was Wissenschaftler auch als "Atlantische Meridionale Umwälzströmung (AMOC)" bezeichnen, maßgebliche Effekte. Ein wichtiger Hinweis auf eine Verlangsamung ist etwa eine in den letzten Jahrzehnten entstandene "Kälteblase" im nördlichen Atlantik.

Für Stefan Rahmstorf vom PIK ist der neueste Wissensstand sehr aussagekräftig, denn: "Wir haben zum ersten Mal eine Reihe von früheren Studien kombiniert und festgestellt, dass sie ein konsistentes Bild der AMOC-Entwicklung über die letzten 1600 Jahre liefern." Rahmstorf weiter: "Die Studienergebnisse legen nahe, dass die AMOC-Strömung bis zum späten 19. Jahrhundert relativ stabil war. Mit dem Ende der kleinen Eiszeit um 1850 begann die Meeresströmung schwächer zu werden, wobei seit Mitte des 20. Jahrhunderts ein zweiter, noch drastischerer Rückgang folgte."

Laut Rahmstorfs Kollegen Niklas Boers ist der Golfstrom momentan so schwach wie nie zuvor in den vergangenen 1000 Jahren. Unklar ist aber (noch), ob dahinter nur eine Veränderung des mittleren Zirkulationszustands oder aber ein wirklicher Verlust an dynamischer Stabilität steckt. Dieser Unterschied sei entscheidend, erläutert Boers. Eine Verringerung der Stabilität würde nämlich heißen, dass sich die Atlantik-Strömung der kritischen Schwelle angenähert habe, bei deren Überschreiten das Zirkulationssystem zusammenbrechen könnte.

Bleibt die große Frage, was die Verlangsamung auslöst: Von Klimamodellen wird seit langem als Reaktion auf die durch Treibhausgase verursachte globale Erwärmung gewertet. Faktoren, die auf die Strömung einwirken, sind neben den direkten Auswirkungen der Atlantik-Erwärmung unter anderem der Zufluss von Süßwasser durch schmelzende Eismassen, insgesamt zunehmender Niederschlag und Wasser aus Flüssen. In Grönland etwa fließt durch schmelzendes Eis immer mehr Süßwasser in das Meer. Süßwasser hat bekanntlich eine andere Dichte als salziges Meerwasser und schwimmt demnach oben. Verschobene Wasserverhältnisse ändern auch das Strömungsverhalten.

Der Golfstrom bewegt 30 Mal mehr Wasser als alle Flüsse der Welt zusammen - geschätzte 20 Millionen Kubikmeter Wasser pro Sekunde sind etwa das Hundertfache des Amazonasstroms. Ein Erlahmen hätte unabschätzbare Folgen für Nord- und Westeuropa, laut Klimaforschern wären etwa Hurrikane wie in Nordamerika zu befürchten. Auch ein allgemeiner Anstieg des Meeresspiegels droht. Paradoxerweise sind zunächst Hitzewellen im Sommer und verstärkte Stürme in Mitteleuropa unmittelbare Auswirkungen. Veränderte Luftdruckverhältnisse begünstigen Einströmen von Warmluft aus Südeuropa. Die Gesamtabkühlung des Meereswassers im Nordatlantik würde erst zeitverzögert ihre Effekte zeigen.

"Wenn wir die globale Erwärmung auch künftig vorantreiben, wird sich das Golfstrom-System weiter abschwächen – um 34 bis 45 Prozent bis 2100, gemäß der neuesten Generation von Klimamodellen", sagt folgert Rahmstorf. "Das brächte uns gefährlich nahe an den Kipppunkt, an dem die Strömung instabil wird." Immerhin: 2020 hat der Weltklimarat, der Intergovernmental Penal on Climate Change (IPCC), in einem Sonderbericht zu den Ozeanen erstmals diese Abschwächung als mögliches Phänomen erwähnt.