Initiative BaukarussellZweites Leben für Baumaterial aus Abbruchhäusern

Die Initiative Baukarussell holt mit Partnern aus der Sozialwirtschaft Baumaterial aus Abbruchhäusern, um es wiederzuverwenden. Projektkoordinator Markus Meissner gewährt einen Blick hinter die Kulissen.

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Im Restaurant Dogenhof kommen zum Beispiel alte Türen als Wandvertäfelung zum Einsatz © (c) AKOS BURG
 

Urban Mining“, also der „städtische Bergbau“, ist vielen mittlerweile ein Begriff. Baukarussell ist im „Social Urban Mining“ tätig. Was darf man sich darunter vorstellen?
Markus Meissner: Wir versuchen, Kreislaufwirtschaft im verwertungsorientierten Rückbau von Gebäuden, zu ermöglichen. Wir bauen Baumaterialien aus Abbruchgebäuden aus und versuchen sie in die Wiederverwendung zu bringen oder stofflich zu verwerten. Dabei bauen wir sozialwirtschaftliche Partner ein und schaffen gemeinnützige Arbeit.

Was versteht man unter verwertungsorientiertem Rückbau?
Das ist der Fachbegriff für den Abbruch von Gebäuden. Das geschieht schon lange nicht mehr mit der Abrissbirne, sondern unter gewissen Vorgaben, die die Recyclingbaustoffverordnung festlegt. Sie legt fest, dass das Baumaterial – zum Beispiel Beton- und Ziegelbruch sowie Metalle – sortenrein, also getrennt gesammelt werden muss, um eine ordentliche Verwertung zu ermöglichen. Je sortenreiner, desto eher kann man es noch einmal als Sekundärrohstoff nutzen.

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Baukarussell steht für „Social Urban Mining“, dem verwertungsorientierten Rückbau von Gebäuden (Entfernung Schad-/Störstoffe sowie Sicherung Wertstoffe) unter Einbindung
sozialwirtschaftlicher Partner. Seit 2016 hat man in 21.000 sozialwirtschaftlichen Arbeitsstunden 550 Tonnen Material in die Wiederverwendung gebracht. www.baukarussell.at


Wer arbeitet in den Rückbaugebäuden?
Wir schaffen Arbeit für Menschen, die zum Beispiel langzeitarbeitslos waren. Sie finden Beschäftigung, Training und auch Teilqualifizierung, damit sie wieder in den ersten Arbeitsmarkt einsteigen können.

Haben Sie ein Beispiel?
Ja, das Ferry Dusika Stadion in Wien. Hier konzentrieren wir uns auf die Weitergabe der Besuchersessel. Das Stadion hatte eine Kapazität von 5500 Plätzen. Davon konnten wir rund 1100 an Wiederverwender abgeben.

Wer meldet sich hier?
Das sind Bauherren, Kunstinitiativen, Privatpersonen oder Vereine, die die Besuchersitze auch wieder als Sessel nutzen. Der normale Weg wäre gewesen, dass sie im Gebäude bleiben, der Abbruchunternehmer kommt und sie aus dem Gebäude entfernt. Er macht das aber meistens mit Kleingeräten, danach landen sie in einer Altstoffmulde und beim Verwerter. Dabei ist es viel hochwertiger, wenn das Produkt und damit auch die gesamte Funktionalität erhalten bleibt. Das ist eine Arbeit, mit der unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt sind.
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Alte Türen als Wandvertäfelung Foto © (c) AKOS BURG

Alte Türen werden zur Wandvertäfelung

Im Dogenhof in Wien wurden Türen aus der ehemaligen Zentrale der Energie Wien, dem Areal des zukünftigen Meduni Campus Mariannengasse, zu Wandvertäfelungen. Baukarussell hat aus dem Gebäude 140.000 Kilo Materialien geholt und 60.400 in die Wiederverwendung gebracht – Handläufe, Vintage-Uhren, Paternosterkabinen. „Wenn eine Tür hundert Jahre hängt, bedeutet das, dass sie Qualität hat. Neues ist oft günstiger, aber alles andere als langlebig“, so Robin Molenaar vom Atelier für Innenarchitektur und Innendesign, das den Dogenhof gestaltet hat.


Wie rechnet sich das?
Wir versuchen, diese Arbeit mit den Werten, die wir in den Objekten finden, gegenzufinanzieren. Hier sind Buntmetalle ein Thema. Die Kolleginnen und Kollegen entnehmen die Leitungen, Kabel und Installationen, die dann an den Altmetallhändler weitergegeben werden. Mit dem Geld, das wir dafür bekommen, bezahlen wir diese Arbeiten, die den Abbruch vorbereiten.

Sie haben einen Bauteilkatalog auf der Webseite. Werden gebrauchte Teile gut angenommen?
Dieser Katalog ist nicht unser Hauptvermittlungstool. Ich möchte kein Lager von 100 Fenstern oder 500 Sesseln aufbauen. Wir haben ein Gebäude und das ist unser Lager von allen möglichen Re-Use-Dingen, die wir darin finden. Dieses Lager betreiben wir so lange wir können. Erst, wenn ich jemanden habe, der dieses oder jenes braucht, entnehmen wir es. Alles, was ich nicht vermitteln kann, das geht den zuvor beschriebenen, „normalen“ Weg. Einige Architekten meinten schon, dass es etwas für sich hat, wenn man die Geschichte des Vorobjekts im neuen Gebäude mit einigen Stücken, die im alten Gebäude schon eine Rolle gespielt haben, zeigen kann.

Was kann man aus dem Rückbau von Gebäuden für die Zukunft lernen?
Die Wiederverwendung eines ganzen Gebäudes generiert den kleinsten ökologischen Fußabdruck. Wie kann ein Bau aussehen, damit Umnutzungen leicht möglich sind? Weiters sollte man bereits beim Neubau auch ein Rückbaukonzept für den geordneten Abbruch mitentwerfen.

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