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Kolumne Valerie Fritsch: Über den Schlaf lernt man die Menschen kennen

Valerie Fritsch
Valerie Fritsch © (c) Martin Schwarz, oxyblau photography
 

Kürzlich hatte meine älteste Nichte das erste Mal die verantwortungsvolle Aufgabe, an einem Abend, an dem die Eltern erst spät zurückkehren würden, selbstständig und ohne eine sie antreibende Aufsicht zu Bett zu gehen. Um auf den rechtzeitigen Schlaf nicht zu vergessen, stellte sich die fast Zwölfjährige einen Wecker, dessen abendliches Läuten sie erinnern sollte, dass es Zeit war, einzuschlummern. Ich mochte die große, Kindern eigene Ernsthaftigkeit, mit der sie den Verlockungen einer ewigen Nacht logistisch zu Leibe rückten und sich gehorsam selbst austricksten, um von den späten, freien Stunden nicht mitgerissen zu werden.

Über den Schlaf lernt man die Menschen kennen, denn man kann nicht anders, als sich im Umgang mit ihm ein wenig selbst preiszugeben. Darum hat es oft etwas eigenartig Anrührendes, das oft, aber nicht immer schön ist, wenn man Fremde schlafen sieht, in Zugabteilen, auf Flughäfen und Busbahnhöfen, an den Zwischenorten, an denen jeder auf etwas wartet, bis er davon müde genug geworden ist. Es ist eine plötzliche Schutzlosigkeit, deren Zeuge man wird, eine spezielle Durchlässigkeit, die man sich nicht durch ein Einandergutkennen verdient hat. Fast fühlt man, es wäre etwas Unrechtes, wenn man diese Schlafenden beobachtet, die Unbekannten mit ihren geschlossenen Augen und geöffneten Mündern, denen ein Geräusch oder selbst ein Wort entkommt, denen Träume übers Gesicht flimmern, über die man nichts weiß und auch nichts wissen soll.

Oft denke ich unwillkürlich, wenn ich so einem in sich selbst zurückgezogenen Fremden gegenübersitze, dass Canetti irgendwo schrieb, wen man je schlafen sah, den kann man nie mehr hassen.
Ich selbst bin ein guter Träumer, aber oft ein schlechter Schläfer. Obschon ich es liebe, zu schlafen, bin ich an manchen Tagen eine einzige Schlaflosigkeit, zu gedankenschwer vom Tag, zu übermüdet, als dass der Körper die Müdigkeit annehmen würde, alarmiert von jeder Bewegung, darauf programmiert, aufzuspringen, auch wenn in der Ferne ein fremdes Kind weint.

Auf Reisen bin ich hingegen wieder selbst für andere die schlafende Unbekannte, denn ich schlafe gern an Orten, die mir besonders schön erscheinen, als würde ich sie am besten träumend und auf sie vertrauend begreifen, so, dass es vorkommt, dass ich mich nicht nur in menschenleere Landschaften, sondern auch bei vielbevölkerten Sehenswürdigkeiten ins Gras lege, an eine Friedhofsmauer lehne, in einen Kirchenschatten schmiege, und davondöse. Nie habe ich das Gefühl, etwas zu verpassen, immer scheint mir die Ruhe an diesen Plätzen eine Erfahrung. Jeder hat seine Eigenheiten. Meine jüngste, winzig kleine Nichte sang sich eine Zeit lang mit „Happy Birthday“ selbst in den Schlaf, man hörte in der Nacht durch die Türe, wie sie sich alleine im Gitterbett schrecklich amüsierte, bis die eigenen, babyglucksenden Geburtstagswünsche immer leiser und in der Dunkelheit zum großen Schlummer wurden.

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