DurchimpfungsratePopper: "Es haben uns nicht viele Prozente gefehlt – das waren aber die wichtigen Prozente"

Simulationsforscher Niki Popper sieht eine absinkende Infektionslage, dennoch brauche es weiter eine höhere Impfbereitschaft, eine klare mittelfristige Strategie und echte Kontrollen der Corona-Maßnahmen.

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Simulationsforscher Niki Popper © APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
 

Von einer absinkenden Infektionslage auch in den nächsten Tagen geht im Vorfeld der Entscheidung über Öffnungsschritte am Mittwoch der Simulationsforscher Niki Popper aus. Dafür verantwortlich sind der Teillockdown, der Lockdown, die gestiegenen Impfraten und auch regional teils sehr hohe Immunitätsraten. Gehe man nun Öffnungsschritte an, sind aber vor allem bundesweit funktionierende und kontrollierte Sicherheitsnetze und eine weiter hohe Impfbereitschaft wichtig.

Die aktuellen Prognosen würden jedenfalls zeigen, dass der Trend der Neuinfektionen klar nach unten geht. "Im Grunde haben wir im Moment Halbierungszeiten von sechs bis acht Tagen, wobei der Effekt langsam schwächer wird", so Popper. Dementsprechend positiv fällt die Einschätzung der Fallzahlen auch aus. Während der Teillockdown schon dabei half, den Höhepunkt der bestätigten Neuinfektionen zu erreichen, habe spätestens der Komplettlockdown in der Folge die Geschwindigkeit der Reduktion erhöht, erklärte Popper.

Regionale Unterschiede in der Impfrate

Der Forscher und sein Team vom Unternehmen dwh, einem Spin-off der Technischen Universität (TU) Wien, gehen mittlerweile von mehr als 71 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, die momentan gegen den aktuellen SARS-CoV-2-Erreger, die Delta-Variante, immunisiert sind. In manchen Bundesländern liege dieser Wert aber mitunter schon um rund zehn Prozentpunkte höher. Mancherorts vor allem durch das Impfen, andernorts jedoch eher durch zuletzt sehr hohe Infektionsraten. "Das bremst die Dynamik auch, allerdings ist der gesundheitliche Schaden weitaus höher", sagte Popper.

Hier offenbare sich einmal mehr das frustrierende Bild, dass in den Wochen vor dem neuerlichen Lockdown nicht viel an Immunisierung durch Impfung gefehlt hätte, um die sehr hohe vierte Welle abzumildern. "Es haben uns eigentlich nicht viele Prozente gefehlt - das waren aber die wichtigen Prozente." Es sei dementsprechend "schade", dass die Situation trotzdem so eskalieren musste, dass ein Lockdown die Ultima Ratio der Politik war. Davor wären viel mildere Maßnahmen effektiv gewesen.

Konträres Bild auf den Intensivstationen

Auf den Intensivstationen ist die Situation aber auch jetzt noch kompliziert, weil die Covid-19-Belegungszahlen erst zeitversetzt sinken. Das müsse man bei etwaigen Öffnungen mitberücksichtigen, denn es werden in den nächsten Wochen aufgeschobene Operationen nachgeholt und auch die aktuellen Infektionen, etwa mit RSV (Respiratorisches Synzytial-Virus) seien ein zusätzlicher Faktor wie in der Folge auch Influenza. Nicht zuletzt kämen dann mögliche Wintersportunfälle dazu. Hier müsse man Covid-19 und alles andere genau betrachten. Letztlich brauche es für eine "neue Normalität" in den Spitälern eine Quote von maximal zehn Prozent Covid-Patienten auf den Intensivstationen - und zwar stabil.

Dementsprechend wichtig sei eine "mittelfristige Strategie", denn der Lockdown war eine enorm "teure Notfallmaßnahme", die aber langfristig gesehen wenig bringt. Wie Öffnungsschritte nun ausgestaltet werden, sei eine politische Frage, so der Experte. Egal welche Maßnahmen man aber zurücknimmt oder setzt, es brauche weiter Anstrengungen bei Erst-, Zweit- und bei Boosterimpfungen. Zudem ist die Frage, wie Maßnahmen hierzulande tatsächlich kontrolliert und eingehalten werden.

Von Laer für Verlängerung des Lockdowns im Westen

Auch aufgrund der regionalen Unterschiede ist die Virologin Dorothee von Laer extrem skeptisch, was das Ende des Lockdowns in West-Österreich anbelangt. Sie sprach sich am Dienstag für eine Verlängerung um eine Woche in den westlichen Bundesländern aus. Diese Regionen seien von einem "vernünftigen Niveau, sprich einer Sieben-Tage-Inzidenz unter 300 noch "weit entfernt". "Wir müssen jetzt vorsichtig sein", mahnte Von Laer. Denn auf den Intensivstationen sei "noch keine wirkliche Entspannung" zu sehen. Dass Handel, Gastronomie und Hotellerie im Osten mit "flankierenden Maßnahmen" öffnen sollen, begrüßte Von Laer. Hingegen sprach sie sich nach wie vor gegen eine Öffnung der Nachtgastronomie aus. "Orte wie Bars und Diskotheken, an denen es keine festen Sitzplätze gibt und womöglich auch noch getanzt wird - das ist im Moment noch zu riskant", führte sie aus. Auch von Großveranstaltungen sei aktuell noch abzuraten.

Dazu müsse das effektive Detektieren und Isolieren von Infizierten auch schnell genug funktionieren. Ist dem nämlich nicht so, helfe das viele Testen hierzulande auch wenig, weil man der Entwicklung zwar zusehen, sie aber nicht stoppen könne. Hier brauche es ein Sicherheitsnetz mit fundierten Daten, klaren Beschlüssen, Umsetzungsstrategien und entsprechenden Ressourcen dazu.

Wie sich die neue Omikron-Variante auswirken könnte, lasse sich noch nicht seriös abschätzen. Ist sie quasi "nur" infektiöser, sei das bei einer jetzt höheren Immunitätsrate weniger tragisch, als wenn sie einen aufgebauten Schutz besser umgehen kann. Letzteres wäre "unerfreulicher, denn in die 'Immunisierungsbank' haben wir ja eingezahlt", sagte Popper. "Parallel zu langsamen Öffnungsschritten, dem Erlass flankierender Maßnahmen und Impfanreizen muss Omikron in der langfristigen Diskussion durchaus berücksichtigt werden", sagte auch Van Laer.

Kommentare (24)
der alte M.
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Ich war

der Meinung, Corona sei ein medizinisches Problem . In Wirklichkeit scheint es sich aber um ein statistisches zu handeln.

klausmoser8850
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Einhalten der Maßnahmen

Wir alle hätten uns wahrscheinlich den LD erspart, wenn sich ein jeder an die Regeln gehalten hätte. War beim Fehndrich-Konzert in Graz - Maskenpflicht war auf jeder Karte vermerkt, beim Eingang sind überall Hinweise und Plakate gewesen. Beim Eingang hatten alle die Maske auf und sobald die Leute am Platz gesessen sind haben 90% sie entfernt. Mit so einem verhalten wird dies nicht der letzte LD gewesen sein.

frogschi
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Wie ist das nun mit den Modellrechnern?

Sie tun so als ob sie Prognosen liefern könnten, doch wenn sie falsch liegen, dann erklären sie uns, dass sie ja keine Glaskugel haben?
Meine Prophezeiung: Auf Regen folgt Sonnenschein. Nennt mich Experte.

david965bc
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Wenn die Impfquote bei den über 50jährigen schlecht ist,

dann hilft auch nicht, wenn sich vermehrt die Jüngeren impfen lassen.

ich.daheim
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Blödsinn

Natürlich hilft es. Je weniger potentielle Überträger desto besser. Wo die herkommen ist egal.

david965bc
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Die Griechen

verlangen nicht umsonst 100 Euro pro Monat für ungeimpfte über 60jährige.

david965bc
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Die Entlastung der Intensivstationen

hängt besonders davon ab, wie viele über 50 Jahre geimpft sind.

Geimpfte sind auch potentielle Überträger, auch wenn sie es kürzer sind.

checker43
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@david

Geimpfte sind nicht nur kürzer infektiös, sondern auch weniger. Studie aus Deutschland: 75 % der Infektionen sind auf die ca. 30 % Ungeimpften zurückzuführen.

dude
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Das ist ja schon fast grotesk!

Im 2. Absatz versucht Hr. Dr. Popper einen Erfolg in die 2 Wochen 2G-Regelung und Lockdown für nicht Geimpfte hineinzuinterpretieren. Er ist zweifelsohne sehr gescheit, aber für so dumm kann er keinen Nicht-Simulationsforscher halten. Die Infektionszahlen explodierten in dieser Zeit mehr denn je! Die 2G-Regelung hat nichts gebracht! Dann kam der Lockdown für nicht Geimpfte! Die Zahlen explodierten weiter! Hier von einem Erfolg zu sprechen, schlägt dem Fass den Boden aus! Am Fr. 19.11. wurde dann der überfällige Lockdown für Alle verkündet und der Höhepunkt der Neuinfektionen mit mehr als 15.000 positiven Tests pro Tag war um den 25.11. erreicht. Dort stagnierte es kurzzeitig bis die Zahlen - wie prognostiziert - fielen.
Der Lockdown für Alle war der Wellenbrecher! Dieser hätte halt Anfang November starten sollen! Dann wäre alles kürzer ausgefallen und wir hätten uns viel Leid in den Krankenhäusern erspart! Aber das war nicht gewollt, denn sonst hätte die Impffreudigkeit darunter gelitten; glaubte die Regierung zumindest!

ich.daheim
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Blödsinn.

Dr. Popper ist sehr gut in seinem Geschäft. Wenn du seine Zahlen nicht nachvollziehen kannst, liegt das an dir und nicht an den Zahlen.
Wie ander geschrieben haben, es sind 1 Zeitverzögerungen einzubeziehen bis die Maßnahmen wirken und 2. haben die maßnahmen durchaus was gebracht und den Verdoppelungszeitraum etwas vergrößert. aber halt zu wenig.
Allerdings hat er bei Beginn des Teillockdowns auch gesagt, dass das nicht reicht.

stb1
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2 Wochen

Zeitverzögerung bei Maßnahmen sind einzurechnen. Außerdem hat dieser Lockdown nur sehr geringe Kontaktreduzierungen gebracht. Der wahre Grund für das Brechen der 4. Welle war die höhere Immunisierungsrate durch Impfung und die hohen Infektionszahlen. Diese Wiederum wären durch eine höhere Impfquote vermeidbar gewesen und somit wohl auch der LD.

owlet123
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Beide Arten von Lockdown

habe auf den Intensivstationen nichts verändert. Und ja, ich weiß, dass diese immer ein paar Wochen "hinterher" sind, aber Experten gehen nicht davon aus, dass sich die Lage dort demnächst bessert.

checker43
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Sicher

reduziert der Lockdown die Belegung. Aber nicht zu dem Zeitpunkt, wo der Lockdown in Kraft tritt. Ohne Lockdown hätten Sie dieselben Steigerungsraten auf der Intensiv wie im November, derzeit ist aber keine Steigerung der Zahlen mehr beobachtbar.

Und die Effekte von 2G waren auch sichtbar, die erste Abnahme der Steigerungsraten konnte noch kein Effekt des Lockdowns für alle gewesen sein.

feringo
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@checker43 : Sicher reduziert ...

Gute kurze klare Formulierung, checker43! 👍👍👍

Das sollte eigentlich auch dude "checken" können!

MiKu34
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was haben

diese Typen gemacht vor Corona?

ich.daheim
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geforscht (fast nur bezahlt im Auftrag von Industrieunternehmen)

Dr. Popper war im Bereich der Simulation komplexer Systeme wohl einer der am meisten zitierte Wissenschftler. In den letzten zwei Jahren publiziert er leider nur mehr wenig und das nur Gesundheitsthemen.

cgross
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...

... recht erfolgreich ein Unternehmen geführt, das wird auch nach COVID wieder so sein, sein KnowHow ist in der Wirtschaft und in der F&E Szene sehr gefragt.

ich.daheim
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nicht ganz

er führt zwei Unternehmen

MiKu34
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ok

ich wundere mich nur, weil dieser als auch andere Experten bis jetzt alles falsch prognostiziert haben.
Ich bin selber Experte in meinem Gebiet, und wenn ich ständig so falsch liegen würde, wäre ich schon lange beim AMS

checker43
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Popper

hat im Gegensatz zu ein paar Schwurblerärzten jedenfalls nicht gesagt, dass es keine zweite Welle geben wird.

ich.daheim
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Blödsinn

Die Prognosen haben gestimmt. Sie wurden allerdings ignoriert.
Wenn Corona vorbei ist, dann macht der Dr. Popper wieder seine Forschungen. Alles Aufträge aus der Industrie. Der ist wirklich gut.

stb1
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Meistens

Haben die Prognosen gestimmt.

samro
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so was haben sie

denn falsch gemacht?
treten sie nicht in servus tv auf und schriben buecher ueber die coronaluege?

Jelineck
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Diese paar Prozentpunkte

haben wohl Kickl und KonsortInnen auf dem Gewissen.