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Immer noch unterschätztGroßer Aufholbedarf bei Versorgung psychisch Kranker in Österreich

"Psychische Erkrankungen sind leise, sie werden viel zu wenig gesehen und immer noch unterschätzt", sagen Experten.

Großer Aufholbedarf bei Versorgung psychisch Kranker in Österreich
Großer Aufholbedarf bei Versorgung psychisch Kranker in Österreich © GVS - stock.adobe.com
 

1,2 Millionen Österreicherinnen und Österreicher sind von einer psychischen Erkrankung betroffen. Bei der Versorgung dieser Menschen besteht jedoch großer Aufholbedarf, kritisierte der Berufsverband Österreichischer PsychologInnen (BÖP) am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Wien. Gefordert werden u.a. ausreichend Behandlungsplätze sowie klinisch-psychologische Behandlung als Kassenleistung.

"Psychische Erkrankungen sind leise, sie werden viel zu wenig gesehen und immer noch unterschätzt", sagte BÖP-Präsidentin Beate Wimmer-Puchinger. Das Wissen in der Bevölkerung sei nach wie vor viel zu gering - die Scham, darüber zu sprechen aber umso größer: Schwächen zu zeigen sei nicht erlaubt in der Gesellschaft. Zu den häufigsten Ursachen für psychische Erkrankungen zählen frühe Traumatisierungen, schwere körperliche Erkrankungen, Lebens- und Beziehungskrisen, körperliche oder seelische Gewalt.

12 Milliarden Euro jährlich

Nicht nur das Leid, auch die volkswirtschaftlichen Kosten sind enorm: jährlich werden sie auf zwölf Milliarden Euro geschätzt. Psychische Erkrankungen sind für zwei Drittel aller Frühpensionen verantwortlich (53 Prozent bei Frauen, 31 Prozent bei Männern), besonders häufig sind Depressionen und Angststörungen.

Der Bedarf nach besserer Versorgung bestehe, ist Wimmer-Puchinger überzeugt. Eine entsprechende Petition habe bereits mehr als 8.000 Unterzeichner. Menschen mit geringem Einkommen sind von den Versorgungslücken besonders betroffen. "Es gibt viele gut ausgebildete Psychologen und Psychologinnen, doch die Bevölkerung kann sie sich nicht leisten, weil es keine Kassenleistung ist", so Andrea Birbaumer von der Gesellschaft kritischer PsychologInnen. "Psychische Erkrankungen sind die neue Armutsfalle."

"Ist eine soziale Frage"

"Das ist eine soziale Frage: Wer es sich leisten kann, für den findet sich ein Platz", meinte auch Johannes Wancata, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Die anderen müssen warten: Auf einen psychiatrischen Kassenplatz heutzutage rund drei bis vier Monate. Zudem drohe ein Mangel an psychiatrischen Fachärzten, da der Verlust durch Pensionierungen nicht durch jüngere Kollegen ausgeglichen werde, so Wancata.

Warnung vor Anstieg

Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO warnte bereits vor einem Anstieg psychischer Erkrankungen. Alleine bedingt durch die Arbeitswelt mit ständiger Erreichbarkeit und immer größeren Verantwortlichkeiten, steige das Risiko, sagte Birbaumer. Doch auch beispielsweise Burn-out sei nur in einem ganz bestimmten Spektrum legitimiert. "Da gibt es in Österreich noch viel Aufklärungsbedarf."

>> Petition für eine bessere Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen in Österreich

Mehr Tote durch Suizid

Dreimal so viele Menschen sterben durch Selbstmord als bei Verkehrsunfällen. Suizid sei bei Österreichs Bevölkerung bis vierzig die zweithäufigste Todesursache nach Krebs, erklärte der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie am Dienstag. Der Verband forderte anlässlich des Welttags der seelischen Gesundheit am 10. Oktober die stärke Förderung präventiver Maßnahmen für Suizidgefährdete.

Im Jahr 2017 starben demnach in Österreich 1.224 Personen durch Suizid, fast dreimal so viele wie im Straßenverkehr. "Suizid ist vermeidbar, wenn präventive Maßnahmen stärker gefördert werden", sagte Präsident des Verbands (ÖBVP), Peter Stippl, laut einer Aussendung.

Lange Wartezeiten auf eine limitierte Anzahl an Kassenplätzen seien für psychisch erkrankte Menschen, die sofort Hilfe benötigen, laut ÖBVP eine unzumutbare Situation. Je mehr Zeit vergeht, desto größer sei oftmals die potenzielle Suizid-Gefahr oder desto schwieriger werde es, eine Therapie erfolgreich abschließen zu können. Dies gelte auch für die Nachsorge-Behandlung nach Suizidversuchen.

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