Junge Liebe im Krisenmodus„Ich fühle mich sozial ausgehungert“

Die Corona-Pandemie erschwert der Jugend das Sich-selbst-Erproben. Droht jetzt die Generation Bindungslücke?

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Der erste Kuss muss warten: Die Pandemie beeinflusst das Liebesleben der Jungen
Der erste Kuss muss warten: Die Pandemie beeinflusst das Liebesleben der Jungen © Igor Sapozhkov
 

Aufregend, beängstigend und manchmal mit einem gewissen „Wäh“-Faktor verbunden – der erste Kuss bleibt unvergessen. Feuchte Hände, rote Ohren und ein Herz, das bis zum Hals schlägt. Allesamt Erfahrungen, die zum Heranwachsen dazugehören. Doch in Zeiten der Krise sind die Bedingungen für das Sich- selbst-Erproben und -Erleben erschwert. Verstohlene Blicke im Schulbus, Flaschendrehen am Skikurs, erste Tanzversuche beim Maturaball – abgesagt oder auf unbestimmte Zeit verschoben.

"Generation beziehungsunfähig"?

Laut Nicole Siller, Sexualberaterin aus Wien, ist das für bestimmte Jugendliche eine Belastung: „Da gibt es durchaus jene, die sich um ihre unbeschwerte Jugend betrogen fühlen“, erzählt sie. Insgesamt von einer drohenden „Generation beziehungsunfähig“ zu sprechen, hält die Sexualberaterin allerdings für übertrieben: „Wir Erwachsenen sollten der Jugend nicht unser Bild des Mangels umhängen.“ Rückblickend neige man dazu, die Vergangenheit verstärkt zu idealisieren. Doch vor Corona sei auch nicht alles glatt gelaufen. Denn es war auch die vorhin erwähnte Unbeschwertheit, die junge Menschen vermehrt unter Druck gesetzt hätte. „Annahmen, wonach immer mehr junge Menschen immer früher sexuell aktiv werden, lassen sich durch Studien nicht bestätigen – das gaukeln uns höchstens die Medien vor.“

Zur Person

Nicole Siller ist Sexualberaterin, psychologische Beraterin und systemischer Coach. www.lebendich.at

Zwischenmenschliches als Konsumartikel

Gerade in Pre-Corona-Zeiten erlebten demnach viele Sex und Intimität als schnelle Sache. „Vor allem durch das Internet und seine vielen Möglichkeiten entwickelte sich zwischenmenschliche Nähe zum Konsumartikel.“ Hohe Erwartungen inklusive: Vielleicht kommt ja noch jemand Besseres? Gleichzeitig verwahrlosen durch die Austauschbarkeit die Umgangsformen. „Quasi per Wisch-und-weg-Prinzip enden zunächst vielversprechende Bekanntschaften ohne Angabe von Gründen“, meint die Expertin.

Die Testbereitschaft bei jungen Menschen ist groß. Leichtigkeit entsteht also nur dann, wenn die verlässliche Basis geklärt ist.

Nicole Siller (Sexualberaterin)

Aktuell werde das Gegenüber genauer geprüft, würden die Profile genauer angeschaut, Gespräche intensiver geführt. „Durch die Pandemie lernen wir Beziehungen anders zu denken.“ Es bilde sich „eine neue Art der Anbahnung“, sagt die Expertin. Dabei stünde die Rücksicht auf das Gegenüber verstärkt im Vordergrund. Aber auch die Fürsorge für sich selbst. Gerade bei jungen Menschen gäbe es eine hohe Testbereitschaft. „Leichtigkeit und Unbeschwertheit entstehen also nur dann, wenn ich die verlässliche Basis geklärt habe.“

Eine Gegenbewegung formiert

Im Ausnahmezustand wird das Internet zum Zufluchtsort. Dort werden Jugendliche durch Pornos an Sexualität herangeführt. Fehlt die Medienkompetenz, nehmen sie diese Filme nur erschwert als das wahr, was sie sind: nicht echt. Hinzu kämen überholte Stereotype: „Er ist der Macker, sie das ,Trutscherl‘ – wir erleben also Geschlechterbilder, die vom Klischee normiert werden.“ Umso erfreulicher sei es, dass sich auch im Internet eine Gegenbewegung formiere. Die Sehgewohnheiten beginnen sich zu verändern. Vor allem auf Instagram, wo die meisten Bilder und Videos perfekt inszeniert sind. Welche Bedürfnisse habe ich? An wem möchte ich mich orientieren? Laut Nicole Siller beschäftigen sich immer mehr junge Menschen mit ihrem Innenleben und organisieren sich neu. „Im Internet finden sie Gleichgesinnte, und das ist eine gute Entwicklung“, sagt sie.

„Fühle mich sozial ausgehungert“

Erfahrungsbericht

* Die junge Frau, die hier ihre Erfahrung schildert, ist eine Studentin aus Wien. Ihren Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen.

Zwei Wochen ist es her, dass ich mir eine Dating-App heruntergeladen habe. Was mich sehr verwundert hat: der Stundenbericht in der ersten Woche. Neun bis zehn Stunden sind täglich für Wischen, Tippen und Klicken draufgegangen. Und das war auch irgendwie gut so, denn nach 14 Monaten Corona fühle ich mich sozial ausgehungert. Ich wohne allein – meinen Freunden will ich nicht zur Last fallen.

Meine Aufgaben für die Uni haben sich nach Hause verlagert, die Bibliothek ist zu, Partys finden nicht statt. Wenn alle Anknüpfungspunkte wegfallen, ist es logisch, dass sich selbst belanglose Flirts aufs Digitale verlagern. Wie soll man sonst jemanden kennenlernen?

Letzten Sonntag war ich auf meinem ersten Date. Genauer: Auf meinem ersten Date seit Beginn der Pandemie. Ich bin an dem Punkt angekommen, wo das Sich-selbst-Wegsperren für mich nicht mehr funktioniert. Was mir aber bei unserem Treffen besonders wichtig war: Dass sich mein Gegenüber und ich vorab testen lassen – mit Beweisfoto vom negativen Test, Datum, Uhrzeit und allem Drum und Dran. Zugegeben, das war komisch, aber auch wichtig. Einfach um zu zeigen, dass wir trotz Spaziergang im Freien die aktuelle Situation ernst nehmen.

Die ersten Blicke austauschen, sich langsam herantasten – ganz ohne Performancedruck. Das war vorher leichter. Bei meinem Date habe ich hingegen großen Druck verspürt. Als würde es darum gehen, so viel Informationen wie möglich während eines Spaziergangs unterzubringen. Als müsse ich mich auf Knopfdruck präsentieren. Waren wir vor Corona entspannter? Es kommt mir so vor. Einfach schnell etwas trinken gehen – ohne groß nachzudenken. Das vermisse ich sehr.

Und dann wäre da noch ein Gefühl, das sich im Moment immer wieder bemerkbar macht. Als würde eine unsichtbare Angst in der Luft liegen. Die Angst, etwas Falsches oder Verbotenes zu tun. Und das, obwohl man nur seine Grundbedürfnisse stillen will. Das gibt mir schon zu denken.

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