Film der Woche"Waren einmal Revoluzzer": Wie man mit der Mittelschicht abrechnet

Die österreichische Filmemacherin Johanna Moder entlarvt in ihrer Tragikomödie Weltoffenheit und politische Korrektheit – und das unglaublich feinsinnig.

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Ein Bobo-Paar gerät ins Strudeln, weil es an seinen hehren Idealen und ihrem Narzissmus (fast) scheitert: Julia Jentsch und Manuel Rubey © Filmladen
 

Endlich einmal „nicht nur reden“. Sondern etwas gegen all das Unheil in der Welt tun. Aktiv werden und helfen. Den eigenen, hohen und politisch überkorrekten, Idealen folgen – und daran scheitern. Das ist eine der Grundprämissen in Johanna Moders zweitem Spielfilm „Waren einmal Revoluzzer“. Die österreichische Drehbuchautorin und Regisseurin stellt darin zwei hippe, urbane und gutbürgerliche Mittdreißiger-Paare, deren Revoluzzer-Jahre längst schicken Altbauwohnungen und Zweitwohnsitzen im Waldviertel gewichen sind, auf eine harte Belastungsprobe. Richterin und Kontrollfreak Helene (Julia Jentsch) lebt mit dem zartbesaiteten Musiker und One-Hit-Wunder Jakob (Manuel Rubey) und den beiden Töchtern eigentlich ein glückliches Leben.

Eines Tages bittet sie ihren alten, eitlen Freund und Psychotherapeuten Volker (Marcel Mohab), der frisch verliebt in Künstlerin Tina (Aenne Schwarz) ist, ihrem Ex-Freund in Russland, Pavel (Tambet Tuisk), ein Paket mitzubringen. Dieser lebt als Dissident in Moskau. Unter Einfluss von Wodka beschließen die Freunde, dieses Mal nicht nur Geld zu schicken, sondern Pavel illegal nach Österreich zu holen. Der nimmt gleich seine gesuchte Frau und ihr Kind mit. Konfrontationen und Selbstbetrug im sonst gut geölten und um „First World Problems“ kreisenden Beziehungsgefüge sind vorprogrammiert. Helfen kann so unbequem, unglamourös und unsexy sein.


Die entlarvende Tragikomödie, die mit der Mittelschicht abrechnet, hätte wenige Tage nach dem Lockdown in den heimischen Kinos starten sollen. Nun findet der mehrfach preisgekrönte Film (beste Regie beim Max-Ophüls-Preis, Thomas-Pluch-Drehbuchpreis, ökumenischer Preis in Zürich) endlich den Weg zu seinem Publikum. Mit „Waren einmal Revoluzzer“ untermauert die in Wien lebende Grazerin, dass sie eine der interessantesten Filmemacherinnen dieses Landes ist.

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Leichtfüßig, aber von spitzfindigem Humor, authentischen Figuren und einer gehörigen Portion gepfefferter Gesellschaftskritik getränkt, zeichnet sie ein Familiendrama und zugleich ein Sittenbild einer liberalen Wohlstandsgesellschaft und ihrer typischen Luxusprobleme nach.
Eine tadellose Ensembleleistung und die charmant angriffslustigen Songs von Clara Luzia runden den Film ab. „Wir helfen alle gerne, aber bitte nicht im eigenen Wohnzimmer“, hieß es in der Jury-Begründung beim Max-Ophüls-Preis. Bitte dieses für einen Kinobesuch und diesen Film verlassen.

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