NeuverfilmungFür Spielberg ist "West Side Story" die "schönste Familiensache seit E. T."

Steven Spielberg stellte in New York seine "respektvollere" Verfilmung der "West Side Story" vor: "Wir leben in einem zweisprachigen Land."

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
Ariana DeBose, Steven Spielberg, Rachel Zegler
Steven Spielberg mit den Darstellerinnen Araiana DeBose (links) und Rachel Zegler © Charles Sykes/Invision/AP
 

"Dies war die schönste Familiensache seit E.T. für mich", unterstrich Steven Spielberg bei der Präsentation seiner Neuverfilmung der "West Side Story" in New York. Er hat Leonard Bernsteins Musicalklassiker gänzlich neu adaptiert. Ganz bewusst habe er vieles auf Spanisch belassen. "Aus Respekt haben wir nichts davon untertitelt", sagt er. "Wir leben in einem zweisprachigen Land", so der 74-Jährige.

"West Side Story" aus dem Jahr 1961, unter der Regie von Robert Wise und Jerome Robbins, adaptierte erstmals das Broadwaymusical aus 1957 und ist eines dieser Filmmusicals, das in der amerikanische Popkultur grundfest verankert sind. Es war nicht nur ein Kassenerfolg, sondern gewann auch zehn Oscars. Ob das Remake das toppen kann, bleibt abzuwarten. Steven Spielberg wollte "West Side Story" jedenfalls schon verfilmen, seit er ein Bub war. Seine Eltern hätten, als er zehn Jahre alt war, die Musik des Bernstein-Musicals mit nach Hause gebracht, erinnerte er sich. Er nahm die Platte mit in sein Zimmer. Als er zum Abendessen wieder rauskam, sang er die Zeilen aus einem Lied und das ging so: "Mein Vater ist ein Bastard!...Mein Großvater ist ständig besoffen". "Und sie haben mir die Platte nicht weggenommen!", lachte Spielberg, der von der Musik von Bernstein sichtlich angetan war.

Der Inhalt ist kurz erklärt: Es ist Shakespeares Romeo und Julia umgelegt auf New York City, wo das Leben "schön" sein kann - "wenn du weiß bist". Maria ist immer noch "Mariiiaa!" und singt "I feel pretty" während sich zwei Banden tanzend bekämpfen. In den Straßen herrscht ein Kleinkrieg zwischen den weißen Halbstarken, den Jets, und den Puerto Ricanern, den Sharks. Als sich einer der Jets, Tony (Ansel Elgort ersetzt George Chakiris), jedoch in Maria (Rachel Zegler, die in der Disney-Neuverfilmung von "Schneewittchen" die Titelrolle spielt) verliebt, scheint der Kampf zu eskalieren. Marias Bruder Bernardo (David Alvarez) ist von der heimlichen Liaison der beiden alles andere als begeistert, und die Tragödie lässt nicht lange auf sich warten.

Während viele heute die Originalbesetzung von "West Side Story" für "weiß getüncht" halten, gab es im von Weißen dominierten Hollywood der 1950er und 1960er Jahre nicht viele bekannte lateinamerikanische Schauspieler. Nachdem Audrey Hepburn die Rolle der Maria abgelehnt hatte (sie war schwanger), wurde die Rolle Natalie Wood angeboten. Sie wird im Remake von Rachel Zegler gespielt, einer Darstellerin aus New Jersey mit kolumbianischen Wurzeln.

Rita Moreno, die im Original Bernados Schwester Anita spielte, war die einzige wirkliche Puerto Ricanerin, und selbst sie musste zusätzlich dunkles Make-up tragen. "Damals war es unglaublich radikal", meinte Tony Kushner ("Engel in Amerika"), der das Drehbuch geschrieben hat und neben der 89-jährigen Schauspielerin saß. "Ich bin fest davon überzeugt, dass sowohl die Broadwayshow als auch der Film enorme Repräsentationsschritte darstellten."

Für ihre Rolle hat Moreno damals einen Oscar als beste Nebendarstellerin gewonnen, und die Chancen stehen gut, dass sie wieder nominiert wird. Sie spielt in der Neuverfilmung die Besitzerin eines Tante Emma Ladens und gab zu, dass es eine merkwürdige Erfahrung für sie war. "Es war nicht einfach", sagte sie während der Pressekonferenz. "Ich werde nicht sagen, dass ich nicht neidisch war. Ich wünschte, ich wäre noch einmal so jung und könnte es noch einmal tun. Ich liebte jede Szene, in der ich war. Aber es war absolut gruselig."

"Es ist politischer als das Original", charakterisierte sie dann das Remake. Nun sprechen die Schauspieler viel Spanisch - immer ohne Untertitel. Während die Originalversion oft für ihre stereotype, karikaturhafte Darstellung von Einwanderern kritisiert wurde, wird hier ein respektvollerer und politisch korrekterer Ton angestrebt. Das ursprüngliche Konzept, eine Adaption von "Romeo und Julia" mit jugendlichen Straßengangs, beinhaltete übrigens überhaupt keine Puerto Ricaner. Die Schöpfer spielten mit einer Reihe von Ideen (es stand offenbar auch eine Geschichte über die verbotene Liebe zwischen einem katholischen Burschen und einem jüdischen Mädchen im Raum), bevor sie sich für die Version entschieden, die wir heute kennen.

Aber eine herausragende Präsenz fehlte bei der Pressekonferenz natürlich. Es wurde auch nicht allzu viel über ihn gesprochen. Stephen Sondheim ("Sweeney Todd", "Into the Woods"), die Broadwayikone, deren erster großer Job im Theater mit 24 Jahren darin bestand, die Texte zu "West Side Story" zu schreiben. Sondheim starb vergangenen Freitag im Alter von 91 Jahren, was Schockwellen in der Theaterwelt auslöste und zahlreiche Hommagen inspirierte. Einer dieser Tribute kam von Spielberg, der bei der Premiere vergangenen Montag in New York City den verstorbenen Komponisten und Texter als Virtuosen und engen Freund titulierte.

Frühe Reaktionen auf den Film wurden von Kritikern in den sozialen Medien geteilt, wobei das Urteil eher positiv ausfiel. In einem Tweet schrieb Brent Lang von "Variety", der Film sei "mutig und mitreißend (...) es fühlt sich an wie ein Oscar-Anwärter". Für die persönliche Überprüfung müssen sich österreichische "West Side Story"-Fans noch etwas gedulden, bis nach dem Lockdown die Projektoren in den Kinos wieder angeschmissen werden. In den USA und Deutschland läuft Steven Spielbergs "West Side Story" indes bereits ab 10. Dezember in den Kinos.

Diskutieren Sie mit - posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung!