Krimi des MonatsEin Zen-Thriller aus Südkorea

Young-Ha Kim verwischt in seinem Roman "Aufzeichnungen eines Serienmörders" die Grenzen zwischen Kriminal- und Weltliteratur.

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Young-ha Kim © Chang
 

Die Worte wollen ihm nicht einfallen, Gesichter kommen ihm irgendwie bekannt vor, aber er kann sie nicht zuordnen. Alles, was gerade erst passiert ist, verschwindet unvermeidlich in einem dichten, undurchdringlichen Nebel des Vergessens. Der pensionierte Tierarzt Byongsu Kim teilt ein Schicksal mit abertausenden anderen Demenzkranken, und doch ist sein Fall sehr speziell. Kim ist ein Massenmörder, der sich schon vor geraumer Zeit zur Ruhe gesetzt hat und mit seiner Tochter ein unauffälliges Leben führt. Doch es gibt neue Mordserie in seiner Gegend und er trifft einen Mann, den er als den Täter zu erkennen vermeint. Es beginnt ein bizarrer Wettlauf gegen die Zeit, in dem der zusehends vergessliche Pensionist versucht, seine Tochter vor dem Kontrahenten zu schützen.

„Aufzeichnungen eines Serienmörders“ von Young-Ha Kim klingt nach einem Thriller, ist aber eher eine dicht gedrängte Reflexion über den Tod, über das Altern, das Zerrinnen der Zeit – und über familiäre Probleme. Die Entfremdung von der Ziehtochter ist für den alten Mann ebenso dramatisch und schmerzhaft wie das absurde Psychoduell mit dem jungen Mörder. Young-ha Kim, einer der erfolgreichsten Autoren Südkoreas, ist ein Meister darin, selbst melodramatische Übertreibungen zu Szenen von höchstens zwei Seiten zu verdichten. Manches mutet in seiner Knappheit wie ein Prosagedicht an.

Mit sardonischem Humor erzählt der Autor eine Geschichte, die alle Klischees und gängige Moralvorstellungen desavouiert. Byongsus einstige Morde sind ein grausames Echo der Militärdiktatur und ihrer sozialen Verrohung, die Südkorea ein Vierteljahrhundert lang im Griff hatte. Sein Vergessen ist natürlch auch als eine Metapher heutiger Verdrängungsmechanismen lesbar. Der Protagonist ist ein Ex-Mörder ohne Gewissensbisse, in einer nachtschwarzen Welt, in der das qualvolle Vergessen zur Vorstufe des letztlich erlösenden Nichts wird. Zen-buddhistische Gelassenheit und eine Exzentrik, die man auch aus dem südkoreanischen Kino kennt, gehen hier eine explosive wie enorm vielschichtige literarische Verbindung ein.

Cass
© Cass

Young-Ha Kim. Aufzeichnungen eines Serienmörders. Cass, 152 Seiten, 20,60 Euro.

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