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Kolumne Valerie Fritsch: der große Emu-Krieg

Valerie Fritsch
Valerie Fritsch © (c) Martin Schwarz, oxyblau photography
 

Auch wenn es mich selbst mitunter überrascht, lebe ich in einem Leben, in dem Vögel eine erstaunlich große Rolle spielen. In meiner Kindheit brüteten jedes Jahr Amseln am blumenwilden Balkon, und ich sah erst der wundersamen Verwandlung von Ei zu Sein zu, dann, wie die winzigen Wesen aus ihrer fragilen Durchsichtigkeit herauswuchsen und zu Tieren wurden, die davonflogen. Wenn die Eltern nicht wiederkamen, zog mein Vater sie mit mir auf, wir gruben morgens in unseren gestreiften Pyjamas nach Regenwürmern, jagten unter den Augen verstörter Nachbarn Insekten, flatterten um die nackten Vögelchen herum, und bekamen sie Federn, teilte ich allen, die es hören wollten, glücklich mit, sie hätten schon ein Fell – eine Fehleinschätzung, für die mich meine Familie noch heute zu jedem unpassenden Anlass auslacht.

Über die Zeit bekümmerten wir unzählige Tiere, wurden von einer Grasmücke terrorisiert, adoptierten einen Grünspecht, der alle hasste, nur meine Mutter liebte, lebten über zwei Jahre mit einer einäugigen Krähe zusammen, die, als all ihre schlimmen Verletzungen ausgeheilt waren, wieder in die Freiheit zog, und manches Mal auf einem Baum im Garten saß, um uns aus der Ferne zu grüßen. Später lernte ich einen Mann kennen, der sich der Hobbyornithologie verschrieb, einem Expertentum, das ihn vor keinem Missverständnis bewahrt. So sehr er die Vögel liebte, so wenig konnte er sie oft auseinanderhalten.
Der Höhepunkt der unabsichtlichen Verwechslungen war erreicht, als durch eine Kombination von angelaufenen Brillen, beträchtlicher Entfernung und der Erhabenheit des Ortes im iranischen Golestanpalast für ein paar fröhliche Sekunden ein Rabe für einen Pfau gehalten wurde.

Wer nach etwas Bestimmtem Ausschau hält, läuft stets Gefahr, zu sehen, was er sehen will, wer unvorbereitet ist, riskiert die totale Überraschung. Als ich kürzlich am Weihnachtstag in der Obersteiermark unversehens auf einer Weide, auf der ich Kühe vermutet hatte, vor einem Emu und einer Ziege stand, war ich entsprechend entgeistert. Es war ein wunderlicher Moment, der Riesenvogel sah mich für eine Minute nachdenklich an, bevor er mit einem Mal davonraste.

Von der Begegnung zurückgekehrt las ich unterm Christbaum nach über das lustige Tier und stieß abseits der zoologischen Fakten schnell auf einen Artikel über den großen Emu-Krieg, der mich in Atem hielt. Ich lernte, es geschah, dass in Australien in den Dreißigerjahren eine militärische Sondereinheit gebildet werden musste, um die Weizenfelder vor der Übermacht der Vögel zu beschützen. Bis auf die Zähne mit Maschinengewehren bewaffnete Berufssoldaten konspirierten mit ernsten Mienen, legten Hinterhalte, belauerten und bejagten die Tiere nach allen Regeln der Kriegskunst – und scheiterten. Der Emu war zu schnell und wendig. Im Abschlussbericht wurde lakonisch statuiert, man könne nur positiv anmerken, dass es in den eigenen Reihen keine Verluste gegeben habe.

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