Grazer Start-up Bike CitizensArbeitswelt der Millennials: "Nicht härter, sondern smarter"

Im Grazer Start-up Bike Citizens hat die Arbeitswoche nur vier Tage. Auch sonst wird viel für die Work-Life-Balance der Mitarbeiter getan. Dass junge Menschen heute nur faul auf der Haut liegen wollen, glaubt man deshalb aber nicht. Vielmehr will man den richtigen Rahmen setzen, damit Menschen frei und selbstverantwortlich arbeiten können.

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Vier Tage arbeiten, drei Tage Wochenende - bislang ein seltenes Modell in der Berufswelt. Beim Grazer Jung-Unternehmen Bike Citizens  ist die Vier-Tage-Woche keine Vision, sondern wird bereits aktiv gelebt. Das Unternehmen programmiert und vertreibt eine App für Fahrradfahrende, die Radrouting im städtischen Raum anbietet und sich laufend weiterentwickelt – quasi ein sich ständig verbesserndes Navigationssystem für Radfahrer. Aktuell arbeiten am Standort Graz 29 und in der Berliner Tochterfirma rund fünf Mitarbeiter.

Bike Citizens wurde 2011 von zwei ehemaligen Fahrradkurieren gegründet. Von Anfang an war dabei klar, dass die Work-Life-Balance eine große Rolle spielen würde. Deshalb wird von Montag bis Donnerstag gearbeitet, der Freitag ist frei. Die Überzeugung dahinter: Das lange Wochenende schaffe immer wieder die nötige Distanz zur Arbeit – im positiven Sinn. Abstand zu einer Sache zu haben, verändere den Blickwinkel. „Vieles, was wir im Büro machen, basiert auf Konzepten und Entwicklungen. Das ist keine Fließbandarbeit, sondern das setzt viel Kreativität und Produktivität voraus“, erklärt Elisabeth Felberbauer, heute Teil des zweiköpfigen Geschäftsführerteams.

Elisabeth Felberbauer Foto © Bike Citizens
Die Umstellung auf die Vier-Tage-Woche erfolgte im Sommer 2014. Zu Beginn gab es durchaus Verunsicherungen. Manche Mitarbeiter taten sich sogar schwer damit, ihre erweiterte Freizeit entsprechend zu nutzen. Mittlerweile möchte niemand mehr darauf verzichten. Außerdem hat die verkürzte Arbeitszeit schnell gezeigt, was sich in den internen Abläufen noch verbessern könnte, um insgesamt effizienter zu sein. Deshalb wurden unter anderem Kommunikationslinien und Projektmanagement verbessert. „Dank der 52 verlängerten Wochenenden im Jahr wird man im Kopf freier, kreativer, arbeitet effizienter und motivierter“, findet Felberbauer, „man hat genügend Zeit um vom Alltag auszubrechen, entwickelt neue Blickwinkel und setzt laufend wieder Kapazitäten frei.“

Gesundheit und Teamgeist

Neben der 36-Stunden-Woche werden auch verschiedene Teilzeitmodelle gelebt. Auf gängige All-in-Verträge mit pauschalierten Überstunden verzichtet man bewusst. Außerdem experimentiert die Firma fortlaufend mit Themen wie Gesundheit oder Teamgeist: Um einen Ausgleich zum Sitzen zu schaffen, gibt es künftig ein internes Fitnessprogramm. „Unsere Mitarbeiter haben aber ohnehin viel Grundbewegung, weil sie mit dem Rad in die Arbeit fahren“, erzählt Felberbauer. Gemeinsames Kochen und ein Montagsfrühstück sollen das Gemeinschaftsgefühl fördern. „Das sind gute Gelegenheiten, um sich auszutauschen und auf privater Ebene kennenzulernen“, ist Felberbauer überzeugt. Beim Kaffeeholen würden Plaudereien meistens sehr verkürzt ausfallen. Beim gemeinsamen Kochen und Essen böten sich mehr Anschlussmöglichkeiten – zum Beispiel für neue Teammitglieder oder für Mitarbeiter, die im Arbeitsalltag weniger miteinander zu tun haben.

Eine Generation in der Kritik

Mit 36 Jahren fällt Felberbauer gerade noch selbst in die Gruppe der Millennials. Das ist jene Generation, die so oft dafür kritisiert wird, sich im Arbeitsleben nur die Rosinen herauszupicken. Was hält sie von dem Vorwurf, junge Menschen seien heute faul und würden nicht mehr „richtig“ arbeiten wollen? Ihr Zugang: Die Perspektiven haben sich geändert. Es gebe genug Studien die belegen, dass sich eine gute Balance zwischen Arbeit und Freizeit positiv auswirke. „Wer von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends im Hamsterrad ist, wird nicht unbedingt qualitativ hochwertigere Leistungen bringen“, sagt sie.

Die Generation der Millennials unterschiede sich von den vorherigen Generationen vor allem dadurch, dass sie mehr Sinn in ihrem Tun suche. „In unserer Firma vertreten die Mitarbeiter unsere Werte“, erklärt Felberbauer, „sie finden es gut, selbst einen Beitrag zu leisten, damit unsere Städte noch lebenswerter werden.“ Mit dieser Haltung sei es nicht mehr von Bedeutung, 40 oder 60 Stunden pro Woche zu arbeiten. „Vielmehr wollen Menschen heute selbstverantwortlich sein, Vorschläge einbringen, umsetzen und aktiv mitgestalten. Bei uns kann jeder mit seinen Ideen kommen, wir haben einen sehr großen Gestaltungs- und Umsetzungsspielraum. Aber es ist wichtig, dass darum herum ein Rahmen gesetzt wird, damit man sich nicht darin verliert.“

Homeoffice

Die Corona-Situation hat auch bei Bike Citizens das Thema Homeoffice verstärkt. „Jetzt geht es darum, langfristig die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass jederzeit und überall selbstverantwortlich und selbständig gearbeitet werden kann“, so Felberbauer. Überhaupt sieht sich das Unternehmen selbst als fortlaufenden Prozess. „Unsere Hierarchien sind sehr flach. Wir waren immer schon offen für neue Impulse und dafür, Dinge auszuprobieren“ Als Basis dafür müsse aber klar geregelt sein, wie Prozesse ablaufen und wer wofür verantwortlich ist. Heute wird aus Überzeugung in kleinen Teams gearbeitet, um schneller zu Entscheidungen zu kommen und agil handeln zu können. „Außerdem rücken so das gemeinsame Erreichen von Zielen und das Feiern von Erfolgen noch mehr in den Mittelpunkt.“


 

 

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