ArbeitspsychologeLehren aus der Coronakrise: "Rolle von Führungskräften muss überdacht werden"

Paul Jiménez, Arbeitspsychologe der Karl-Franzens-Universität, über die Auswirkungen der Coronakrise auf die Arbeitswelt.

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Vor beinahe 100 Jahren hat ein sprichwörtlicher Komet in der Fabrik Marienthal in Gramatneusiedl eingeschlagen und etwa 75 Prozent der Familien war von Arbeitslosigkeit betroffen. Die Wissenschaft hat 1933 in der „Marienthal-Studie“ die Folgen von Arbeitslosigkeit beleuchtet. Die heutige Situation ist für viele sehr schwierig, dennoch sind wir weit von dieser dramatischen Situation entfernt. Welchen Wert Arbeit hat, wie sehr wir davon geprägt sind, einer Arbeit nachgehen zu können, zu dürfen, wird aber wieder deutlich.

Arbeit ist natürlich Broterwerb, aber noch viel mehr. Viele erleben es nach fast zwei Monaten als beruhigend, wieder "dabei zu sein", gemeinsam mit anderen, zeigen zu können, was man kann und Dinge zu machen, die man gerne macht. Diese drei Bedürfnisse werden in der Arbeitspsychologie übrigens als die zentralen Treiber gesehen, die bei Menschen zu Engagement führen und zu hohen Leistungen motivieren.

Scheu, Menschen "loszulassen"

Interessanterweise haben aber Führungskräfte oft eine ganz starke Scheu, Menschen „loszulassen“, deshalb wurde auch Homeoffice lange Zeit immer wieder kritisch gesehen. Die Notwendigkeit, Arbeitende nun auch alleine ihre Dinge tun zu lassen und nicht immer wieder durch die Tür blicken zu können, hat vielleicht manchen Augen geöffnet. Auch deshalb kann man hören, dass viele MitarbeiterInnen dem Homeoffice viel Gutes abgewinnen können (nähmen wir an, dass Kinderbetreuung gut gelöst wäre, dann wäre das sicher bei noch mehr Personen der Fall).

Balance zwischen Arbeit und anderen Bereichen

Was könnten wir lernen aus den letzten Wochen? Ist das neu? Wir wissen aus der Arbeitsforschung, dass ein selbständiges, eigenständiges Arbeiten für Menschen förderlich ist und auch durch die technische Entwicklung prinzipiell leicht möglich wäre. Ebenfalls sehen wir, dass der Wunsch nach eigenständigem Arbeiten schon bisher im Steigen war, für viele Menschen war dieses Motiv, oft gepaart mit dem Wunsch nach guter Balance zwischen Arbeit und anderen Lebensbereichen, wichtiger als hoher Verdienst. Diese Entwicklungen sollten nun deutlicher in der Arbeitswelt, in Unternehmen, erkannt und genutzt werden.

Führungskräfte wären nun gefordert, ihre Rollen anzupassen, auch dies ist eine Konsequenz. Stärker jedoch ist die Notwendigkeit in einer neuen, modernen Arbeitswelt, dass ein Unternehmen die Rolle von Führung überdenkt. Letztlich dient es allen, wenn Menschen ihre Kompetenzen zeigen können und mit-denken. Eben keine neue Idee, aber oft ein Kulturbruch. Bei einigen Unternehmen konnte man aber in diesen Tagen ein vorsichtiges Nachdenken erleben, die „Homeoffice-Situation“ eventuell mit Anpassungen beizubehalten und dies nicht nur aufgrund dessen, dass weniger Arbeit da wäre.

Die Arbeitswelt ändert sich und das ist gut. Aus der Sicht der Forschungserkenntnisse der Arbeitspsychologie sollten wir also die positiven Ergebnisse nützen und eine gute Kombination der bisherigen Arbeitswelt mit neuen Möglichkeiten zusammenführen.

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